5 Fragen an Anne Rütten über Rollenbilder und Gleichberechtigung

1. Wer bist du und was machst du?

Ich bin Anne, 29 Jahre alt und bin bei Plan International Deutschland mitverantwortlich für die Online-Kommunikation und unsere Social Media Kanäle.

2. Was bedeutet Gleichberechtigung für dich?

Echte Gleichberechtigung bedeutet für mich, dass alle Menschen überall auf der Welt die gleichen Chancen haben, selbst über ihr Leben zu entscheiden, die Welt um sich herum mitzugestalten und ihre Träume und Ziele zu erreichen.

3. Was sind Rollenbilder?

Rollenbilder, speziell Geschlechterrollenbilder, sind Vorstellungen davon, wie Frauen bzw. Männer „zu sein haben“ bzw. welche Rollen und Funktionen sie in der Gesellschaft oder in einer bestimmten Position einnehmen sollten. Es sind Vorstellungen darüber, was „typisch weiblich“ und „typisch männlich“ ist. Beispielsweise sind solche Rollenbilder in Paar-Konstellationen noch oft sehr veraltet: Überspitzt formuliert ist die Frau ist für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig, während der Mann das Geld verdient, die Glühbirnen auswechselt und die Steuererklärung macht.

4. Welchen Einfluss hat Social Media darauf?

Rollenbilder ändern sich nur sehr langsam, weil sie immer wieder reproduziert werden – zum Beispiel in Schulbüchern, der Werbung, in Filmen und Serien und eben auch in den sozialen Medien. Eine Studie der MaLisa-Stiftung aus dem Frühjahr 2019 hat herausgefunden, dass Social Media wie YouTube und Instagram überwiegend Rollenbilder vermitteln, die der Geschlechterdarstellung der 1950er Jahre ähneln – was mich ehrlich gesagt wundert, denn das mediale Bild der jungen Menschen im Netz ist in meiner Bubble ein ganz anderes. 

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Aber auch unsere eigene Umfrage hat ergeben, dass Mädchen und Jungen, genauso wie Frauen und Männer in den sozialen Medien eher in ihren „typischen Themenbereichen“ bleiben: Fashion, Beauty, Deko und Kochen dominieren die weiblichen Profile auf Instagram während es bei den Männern Themen wie Gaming, Politik und lustige Challenges sind. Die Nutzerinnen und Nutzer dieser Netzwerke sind demnach täglich mit stereotypen Geschlechterrollen konfrontiert und gerade die jungen Menschen nehmen sich genau das zum Vorbild. Es ist ein ewiger Kreislauf, der es schwer macht, Stereotype aufzubrechen und der die Entwicklung der Gleichberechtigung ausbremst.

 

Das hat weitreichende Konsequenzen – insbesondere für Mädchen und Frauen: Dadurch, dass ihnen immer wieder klassische Rollen zugewiesen werden, sehen sie nicht, dass es auch anders geht. Und getreu dem Motto „You can’t be what you can’t see“ begrenzen sie ihre Ambitionen, wodurch sie ihr volles Potential nicht entfalten. Zudem werden Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt ständig unterschätzt, ausgebremst und übergangen. Sie sitzen nicht mit am Entscheidungstisch, sondern werden systematisch von Machtpositionen ferngehalten.

 

Aktuell sind die sozialen Medien noch ein Rädchen in diesem Kreislauf. Doch sie haben mehr als jedes andere Medium der Welt die Chance, das zu ändern. Globale Bewegungen wie #metoo oder auch Fridays For Future haben eindrücklich gezeigt, dass Social Media ein großes Potential hat, Veränderungen anzustoßen. Genau das wird aktuell beim Thema Gleichberechtigung und Rollenbilder einfach noch zu wenig genutzt. Durch die bewusste Darstellung emanzipierter Rollenbilder und den Verzicht auf klischeehafte Abbildungen von Gendernormen haben vor allem Influencerinnen und Influencer die Chance, einen gesellschaftlichen Wandel zugunsten der Gleichberechtigung voranzutreiben und damit einen Beitrag zu einer moderneren, fortschrittlicheren und gerechteren Welt zu leisten.

5. Was hältst du von Frauenquoten?

Ich persönlich halte Frauenquoten aktuell für ein nötiges Übel. Nötig deshalb, weil dadurch mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Ein Übel, weil es oft heißt, dass Frauen „nur wegen der Quote“ eingestellt wurden und nicht, weil sie die gleichen Qualifikationen mitbringen wie ihre männlichen Mitbewerber. Durch die Quote allein ändert sich daher erstmal nichts am Frauenbild in Führungspositionen: Frauen werden weiterhin unterschätzt und ausgebremst – bis sie bewiesen haben, dass sie genauso kompetent sind, wie ihre Kollegen. Das wird bei Männern einfach angenommen, sie müssen das nicht beweisen.

Das eigentliche Übel ist aber, dass es überhaupt noch eine Quote geben muss, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Die Existenz solcher Quoten bedeutet eigentlich nur, dass es in zu vielen Unternehmen und Organisationen immer noch eine „gläserne Decke“ für Frauen gibt und Männer bei gleicher Kompetenz häufig noch bei der Besetzung von Leitungspositionen bevorzugt werden. Wenn sich das ändert, werden Quoten überflüssig.