6 Fragen an Zukunftsforscher Oliver Leisse

Der Hamburger Autor, Trend- und Zukunftsforscher Oliver Leisse war lange Jahre Strategie-Berater bei internationalen Werbeagenturen. In seinem Hamburger Trendforschungsinstitut See More, Future Research and Development, entwickelt er Zukunftsstrategien und berät renommierte Unternehmen. Im Interview hat Oliver Leisse uns einige Fragen zum Thema Zukunft und zu seinem neuen Buch „So geht Zukunft“ beantwortet.

1. Wer bist du und was machst du?

Ich bin Zukunftsforscher und das seit 20 Jahren, was beweist, dass man auch mit exotischen Jobs seine Brötchen verdienen kann. Wir arbeiten mit Mitarbeitern in 50 Metropolen eng zusammen. Denn wenn man weiß, was heute passiert, kann man Ableitungen für die Zukunft machen. Dazu braucht man nur ein wenig Erfahrung. So erforschen wir, was sich die Menschen wünschen, wie sich ihr Leben verändert.

2. Was hat dich dazu gebracht, Zukunftsforscher zu werden?

Neugier und ein Buch! Ich habe Anfang der 80er Jahre das Buch von Faith Popcorn, einer amerikanischen Zukunftsforscherin, gelesen – den Popcorn Report. Sie sprach Trends an, die stärker werden. Einer davon war Cocooning, der Rückzug in die heimische Höhle. Dieser Trend ist ja jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, gleich wieder aktuell.
Eine zeitlang war ich auch in der Werbung unterwegs, habe internationale Unternehmen beraten, unter anderem auch Apple. Schöne Zeit. Aber meine Neugier für neue Trends und die Zukunft brachte mich dazu, ein Institut für Trend- und Zukunftsforschung zu gründen. Trendforschung füllt mich deutlich mehr aus als Werbung, ich kann Menschen und Unternehmen auf ihrem Weg in die Zukunft helfen.

3. Du hast in nur vier Wochen ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu?

Es gibt einfach eine große Unsicherheit und viele Fragen in dieser Zeit, da wollte ich mit Antworten schnell helfen.
Was passiert, was kommt auf uns zu, wie kann ich mich persönlich gut aufstellen. Aber auch, welche Visionen wir gemeinsam als Gesellschaft entwickeln sollten. Das Buch ist sehr aktuell und spricht alle wichtigen Zukunftsbereiche an, auch die Erkenntnisse, die wir in der Pandemie gesammelt haben.

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4. Wieso ist es gerade heutzutage so wichtig, sich über die Zukunft zu informieren?

Weil sie so wenig berechenbar ist. Weder der Finanz-Crash 2008 noch die Pandemie 2020 waren vorhersagbar. Dass es eine Pandemie geben würde, war der Wissenschaft schon lange klar, aber niemand wusste, wann es soweit sein würde. Die Zukunft birgt gerade eine Menge an großen Risiken. Es ist ja nicht nur die Pandemie, wir müssen mit den wirtschaftlichen Folgen klarkommen. Wir werden von den USA und Asien digital abgehängt. Zudem müssen wir vieles neu überdenken: Wie wir wirtschaften, wie sich die Bildung entwickeln muss, wie unsere Zukunft aussieht, wie sich unsere Arbeit entwickelt. Und wie ein sinnvoller, nachhaltiger Wohlstand erreicht werden kann, der nicht mehr nur auf Wachstum setzt.

5. Welche Learnings konntest du aus der aktuellen Krise mitnehmen?

Unsicher ist das neue sicher. Wir müssen uns der Unsicherheit öffnen, sie annehmen und sofort in den Experiment-Modus einsteigen. Jetzt und nicht erst in der Zukunft! Wir müssen uns mehr zutrauen, gute Verbindungen herstellen, eine Menge lernen und dann starten! Und wir brauchen eine positive und nachhaltige Vision als ein erstrebenswertes Ziel, dass wir gemeinsam verfolgen können.

6. Was rätst du Menschen, die Angst vor der Zukunft haben?

Das beste Mittel gegen Zukunftsangst ist Wissen. Ich empfehle allen, die sich Sorgen machen, den Tunnelblick zu beenden. Die Gefahren und Entwicklungen einer vernünftigen Risiko-Abschätzung zu unterziehen. Und dann rate ich jedem von uns, eine positive Zukunft, eine gute, lebenswerte Vision zu entwickeln und sie umzusetzen.