Change, Purpose, Panik

Ich erforsche mit meinem Team die Zukunft. Wie mache ich das? In dem wir Mitarbeiter in nahezu allen wichtigen Metropolen der Welt befragen, was dort gerade passiert. Das Ganze nennt sich ethnografische Marktforschung und bildet ab, was die Menschen sich wünschen und was auf uns zukommt.

Dabei zeigt sich: Die Welt ist voller neuer Fragen, die wir so noch nicht gestellt, geschweige beantwortet haben. Zur Social Media Week habe ich mir drei Fragestellungen rund um Change, Purpose und Panik vorgeknöpft.

1. CHANGE: Was passiert da gerade? 

Jetzt stecken wir mitten in der Corona-Krise und alles verändert sich. Zum Zeitpunkt meiner Keynote auf der #SMWHH waren wir noch in der entspannten Phase. Die Veränderung schlug zunächst in China zu und wir hatten noch die Illusion, dass wir die Wahl haben, ob wir uns als Mensch oder als Manager verändern wollen.
Jetzt hat sich die Welt verändert und auch wir müssen uns verändern. Und was ich Ende Februar vorgetragen habe, gilt heute genauso – es haben noch nicht alle begriffen, was da aktuell geschieht. Die Pandemie ist nur der Beginn einer intensiven und lange andauernden Zeit der Veränderung. Die Wirtschaftskrise hat schon begonnen, Arbeitslosigkeit steigt, die Verschuldung explodiert, Unternehmen müssen schließen. Dies ist der Beginn einer Weltwirtschaftskrise. Und die wiederum ist auch nur ein Teil einer noch größeren Krise. An der Klimakatastrophe hat sich nichts geändert. Wir haben lediglich die Mobilität eingeschränkt und die Reisetätigkeit drastisch reduziert. Nur in diesem Bereich haben wir kurz auf die Pause-Taste gedrückt.

Die Krise bringt uns kurzfristig den Durchbruch der Digitalisierung. Selbst starr agierende Lehrer müssen mit ihren Schülern durch die digitalen Fenster kommunizieren und lernen dazu. Manager, die mit Remote Leadership fremdeln, müssen ihre Teams im Homeoffice führen. Klar, diese Erfahrungen bleiben und werden die Art, wie wir Bildung vermitteln und wie wir zusammen arbeiten auch langfristig beeinflussen. 

Vor fünf Wochen habe ich auf das Thema Autonomie hingewiesen – autonome Lieferwagen bringen Lebensmittel zu den Haushalten in Wuhan. Drohnen werden bei Amazon Waren liefern und menschliche Boten ersetzen. Das sind Beschreibungen von Entwicklungen, die nicht bei uns stattfinden. Dort gibt es Veränderung. Das Problem aber bleibt: Wenn wir in Deutschland nicht die Themen der Zukunft für uns finden und besetzen, werden wir den Anschluss verlieren. Insbesondere, da diese aktuelle Krise auch den Nationen, die bereits offener denken und eher bereit sind, sich zu verändern, ebenfalls einen großen Schubs in die digitale Richtung gibt.

2. PURPOSE: Was ist die Zielsetzung für unser Handeln in der Zukunft?

Wir haben keinen Plan. Was wird in der Zukunft wichtig sein? Konsum sucks. Status sucks. Technik ist fein, aber nur ein Werkzeug, Technik vermittelt per se keinen Sinn. Wir brauchen einen Plan. Und die jungen Generationen haben bereits vor der Krise begonnen, einen Sinn in der Ausrichtung von Unternehmen und Angeboten generell einzufordern. Der erste und richtige Reflex scheint die Nachhaltigkeit zu sein. Das gilt als Fundament einer Zielsetzung auch unverändert für die Zukunft. Jedes Angebot, jedes Unternehmen, jede Organisation muss in der Zukunft nachweislich nachhaltig aufgestellt sein. Das ist nicht verhandelbar. 

Auf diesem Fundament muss nun aber auch eine erweiterte Zielsetzung folgen, ein Leuchtturm, der die gute Botschaft des Absenders hell über das aktuell eher düstere Land schickt. Was ist das für eine Botschaft? Es ist eine Purpose Positionierung, der UPP oder die Unique Purpose Proposition. Gemeint ist ein Mehrwert, der über der Leistungsebene strahlen muss.

Ein Beispiel? Ein Waschmittel. Früher: Wäscht sauberer. Morgen: Wäscht sauberer und ist unschädlich für die Umwelt dank abbaubaren Stoffen (Fundament) plus – tut etwas aktiv für die Gesellschaft (Leuchtturm), da das Waschmittel Viren abtötet. Zudem organisiert der Hersteller einen Wäscheservice für Menschen in Corona-Quarantäne. So geht das. Unternehmen, die solch einen UPP aufweisen, werden das Tor zur nächsten Ebene, zur Teilnahme am Business von morgen öffnen. Die anderen nicht.

3. PANIK: Wie können wir die überwinden?

Aktuell ist der Paniklevel noch mal deutlich eskaliert. Wir müssen Nostalgie nicht ablehnen, sondern zulassen. Die Menschen wünschen sich in all der Zeit auch mal wieder den Rückzug ins Vertraute, denn Nostalgie erlaubt es den Menschen, sich mental an einen vertrauten und sicheren Ort zurückzuziehen und sich so innerlich zu stabilisieren. 

Nun haben wir genau diese Situation: Wir hocken mit der Familie zusammen, spielen Spiele und sind wieder vereint. Es fühlt sich hier sicher an, während die Welt da draußen ein Ort der Unsicherheit und Gefahr zu sein scheint. Auf dieser Basis können wir nun diese Situation positiv nutzen. Indem wir lernen, wie wichtig die alten Verbindungen dann doch sind. Wie wichtig die sozialen Medien sind und wie sehr sie in diesen Zeiten helfen – sich zu verbinden und neue Gedanken zu entwickeln. Es wird eine neue Welt dabei herauskommen: Statt des Hyperindividualismus und Egoismus von gestern kommen wir nun über Gespräche, Social Media und virtuelle Konferenzen wieder aus unseren geschlossenen Echoräumen heraus und verbinden uns mit anderen Menschen und deren interessanten Gedanken. Die alten Filterblasen platzen gerade. Das ist der Beginn vieler neuer Freundschaften, Netzwerke und der Beginn einer Zeit des Aufbruchs. Die Panik ist gut. Sie hat uns auf uns zurückgeworfen und gezeigt, wo wir und wie wir – auch digital – neu anfangen können. Vielleicht geht es so: Zuhören, was die neuen Probleme der Menschen sind. Zusammen mit einer Gruppe von Denkern, die unterschiedliche Perspektiven einbringen, neue Konzepte entwickeln, die einen guten Purpose haben. Und dann geht es an die Umsetzung: Raus aus der Comfort Zone, runter von der Couch und in das wilde Leben der Zukunft. 

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Viel Erfolg. Ich freue mich drauf.