eHealth – Die große Disruption im Gesundheitswesen

Was ist eHealth?

Der Bereich Gesundheit – sowohl die eigene Gesundheitspflege und -vorsorge als auch die Medizin – befindet sich seit ein paar Jahren in einer digitalen Transformation wie so viele andere Bereiche unseres täglichen Lebens auch. Von der Selbst-Beobachtung und  Aufzeichnung der eigenen Körperwerte und Bewegungsdaten bis zu Ferndiagnosen, Medikationsplänen oder der digitalen Patientenakte – der Einsatz digitaler Technologien bietet viele Vorteile für Privatpersonen, die sich um ihr Wohl sorgen, als auch für Patienten, Ärzte und medizinische Einrichtungen. Ungeachtet dessen gibt es aber auch Herausforderungen, die es zu bewerkstelligen gilt, auf die ich unten zu sprechen kommen werde. Die digitalen Anwendungen und Dienstleistungen werden unter dem Sammelbegriff eHealth – manchmal auch mHealth oder Digital Health zusammen gefasst.

Disruption des Gesundheitswesen

Im Gesundheitssektor erleben wir derzeit einen großen Umbruch. Gemeint sind mobile elektronische Gesundheitsanwendungen und -werkzeuge in Form von Wearables und Sensoren, die eine passive Art der Datenerfassung ohne hohen Aufwand bieten. In vielen Fällen ist eine kontinuierliche und nicht nur episodische Messung möglich. Sie sind auf das Individuum zentriert – und nicht Klinik-basiert, was oft mit der Notwendigkeit von hohen zusätzlichen Aufwendungen in Form von ethischen Anträgen, Zuschussanträgen und Ähnlichem einhergeht. Die Kosten und Dauer von Studien können dadurch enorm verkürzt werden. Die in Online-Patienten-Communities gemeinsam genutzten Daten bieten für alle zugängliches Big-Data-Wissen an. Mit der digitalen Gesundheitsrevolution bekommen wir enorme Möglichkeiten, Daten zu sammeln und zu analysieren, um die Mechanismen zu verstehen, die für die gesundheitlichen Herausforderungen relevant sind. 

Beispiele für eHealth

Bereits in der Anwendung befinden sich nützliche digitale Applikationen wie die digitale Gesundheitsakte, die alle diagnostischen Berichte, Befunde und Unterlagen wie z.B. Röntgenbilder enthält. Arzt- oder Therapeuten-Gespräche per Video werden gerade aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie gefragter denn je. Online-Therapie-Portale wie z.B. https://myonlinetherapie.com werden bereits erfolgreich eingesetzt und unterstützen bei den klassischen Psychotherapie-Anwendungen wie z.B. Angst- und Traumatherapie. Einen pionierhaften Anteil an der Gesundheits-Disruption haben bottom-up schon seit einigen Jahren existierende Patientenportale wie z.B. Patients like me (https://www.patientslikeme.com) oder ehemals curetogether.com (jetzt Tochter von 23andme.com) geleistet. 

Mehr als 100.000 Fitness- und Ernährungs-Apps sowie Apps zur Beobachtung von Stimmungen oder Gewohnheiten stehen in den beiden App Stores von Google und Apple zum Download bereit. Sie versprechen, dass man seine Bewegungsziele, wie beispielsweise die bekannten 10.000 Schritte täglich wie auch andere Trainingsziele erreicht (Beispiele: Runkeeper, Runtastic/Adidas oder Edomondo). Durch die Methode des Eintragens der Mahlzeiten und konsumierten Lebensmittel (z.B. MyFitness Pal) soll das eigene Essverhalten ins Bewusstsein gebracht werden. Durch die tägliche Kontrolle, zum Beispiel im Zusammenspiel mit einer Bluetooth- fähigen und mit der App verbundenen Waage (z.B. Withings / Nokia), wird dem Anwender transparent vermittelt, ob das angestrebte Gewichtsziel erreicht wird. 

Mit dem digitalen Versorgungs-Gesetz (DGV) vom November 2019 sollen in Deutschland Apps¹ im Gesundheitsbereich sogar verschrieben und die Kosten als Krankenkassenleistung erstattet werden. Diese helfen dabei, kontinuierlich Messungen über Körperwerte wie beispielsweise Blutzucker-Werte zu erheben, zu speichern und den Medizinern bei einer Diagnose-Erstellung und Überwachung des Gesundheitszustands ihrer Patienten bereitzustellen. Sie bieten außerdem die Funktion, an die regelmäßige Einnahme von Medikamenten zu erinnern und gegebenenfalls Familienmitglieder zu benachrichtigen. Online-Beratungsangebote, die eine Psychotherapie ergänzen oder vorbereiten, haben die Vorteile, Wartezeiten zu überbrücken und in akuten Fällen eine Art seelische Erste-Hilfe zu  leisten.

 

¹ https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/ Gesetze_und_Verordnungen/GuV/D/DVG_Bundestag.pdf

Welche Herausforderungen gibt es?

Jeder, der mitmachen wolle, solle mitmachen können – so das Credo des neuen DVGs. Eine wichtige Frage taucht natürlich sofort auf: Wird es bei der Freiwilligkeit bleiben oder wird die Patientensouveränität eines Tages untergraben aus politischen und ökonomischen Gründen? Wir leben bereits in einer überwachten Welt: CCTV-Systeme im öffentlichen Raum, z.B. Verkehrsüberwachungskameras, unbemerkt gesetzte Cookies beim Surfen im Internet oder GPS-Tracking der Smartphones, um nur einige wenige zu nennen. Da stellt sich die Frage, überwiegen bei e-Health die Vorteile für die eigene Gesundheit, dass die zunehmende Überwachung “als gläserner Patient” billigend in Kauf genommen werden kann? Andererseits sollte der mündige Bürger immer kritisch hinterfragen, welche umfangreichen Einblicke er guten Gewissens in die Privatsphäre gewähren will. Denn niemand weiß mit Sicherheit, was mit all den gesammelten Daten (#bigdata) eines Tages passieren wird. Mit welchen Algorithmen und KI-Systemen sie ausgewertet und verknüpft werden können (#CambridgeAnalytica). 

Daher seien Anwender dazu aufgerufen, mit offenen Augen und einem wachen Geist auf das Thema zu schauen. Entwickler seien aufgerufen, an Lösungen zu arbeiten, die den Anwendern sehr viel mehr Datenkontrolle einräumen, als es bisher der Fall ist.

Nutzen von eHealth

Als Consultant für den digitalen Wandel in Unternehmen und Organisationen beginne ich oft mit der Frage: Welches Problem müssen wir lösen? 

Den Risiken und Herausforderungen stehen signifikante Vorteile gegenüber. Die kontinuierliche Erhebung von wichtigen Gesundheitswerten, Erinnerungsfunktionen bei Medikations- und Trainingsplänen sowie orts- und zeitunabhängige Sprech- und Therapiestunden sparen Kosten und Zeit und bieten enorme Individualisierungs- vorteile. Weitere Entwicklungen im Zusammenspiel mit 5G, KI und AR-Technologien eröffnen Chancen im direkt operativ-therapeutischen Bereich (s. u.).

So können gesammelte Daten in Big Data Anwendungen sowohl für Forscher wie für Mediziner zu akkuraten Befunden und den damit verbundenen – womöglich – individuelleren und frühzeitigeren Behandlungen zu größeren Erfolgen führen. Aktuell soll beispielsweise die Corona-Datenspende-App, die am 7. April 2020 gestartet ist, die frühzeitige Identifizierung von Infizierten² mit ihren Bewegungsdaten und Kontakten erleichtern, sowie damit verbundene Hinweise auf potenziell Infizierte zum Zwecke der sofortigen Isolierung und damit der Vermeidung von weiteren Ansteckungen beitragen. „Die von den Nutzern zur Verfügung gestellten Daten, beispielsweise Ruhepuls, Schlaf und Aktivitätsniveau, können helfen, Infektionsschwerpunkte besser zu erkennen und dazu beizutragen, ein genaueres Bild über die Wirksamkeit der Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 zu gewinnen“ – so das Robert Koch Institut. Durch Algorithmen sollen so Symptome erkannt³ werden, die mit einer Coronavirus-Infektion in Verbindung stehen.

² https://corona-datenspende.de 

³ https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Update1_Corona-Datenspende.html

Die Chancen von eHealth

Das Thema eHealth hat in meinen Augen sehr viel Potenzial sowohl für den Patientennutzen als auch auf der ökonomisch-innovativen Seite. In den USA wurden seit 2012 von allen Technologie-Giganten wie Alphabet, Alibaba, IBM, Microsoft, Facebook, Intel über 15 Milliarden Dollar in gesundheits-technologische Neugründungen investiert. Seit 2010 ist laut dem USPTO (United States Patent and Trademark Office) die Anzahl der Patente in pervasive Neurotechnologien beispielsweise von ca. 400 auf 1600 in 2014 gestiegen. Neuropsychiatrische Krankheiten (wie Depression, Angststörungen oder Abhängigkeit von Substanzen) stellen in den USA und sicherlich auch im Rest der westlichen Welt den größten Anteil an Arbeitsausfällen, den sogenannten DALYs (Disability adjusted life year) also der Anzahl an Krankheitstagen, Arbeitsunfähigkeit und frühen Todesfällen, dar. Digitale Brain Technologies setzen bei diesem Problem an und versuchen, mit kognitiven Trainings-Apps, Gehirn-Aktivitätsindizes, Neuro-Markern, Videospiel-basierten Anwendungen oder noch sehr in der Entwicklung befindlichen BrainComputer-Interfaces dem Gehirn wieder auf die Sprünge zu helfen. Am Stanford Health Care Institute werden VR- und AR-Technologien für körperliches und kognitives Training, zur Rehabilitation, für chirurgische Übungen und zur Behandlung von Phobien und Suchtbehandlung eingesetzt. 

Ein zukünftiges Szenario einer innovativen eHealth-Anwendung könnte so aussehen: Noch relativ am Anfang befindet sich die Forschung und Suche nach digitalen und mobilen Biomarkern, die das frühzeitige Erkennen von Hinweisen auf die Alzheimer Krankheit (AD) ermöglichen. AD stellt eine große und rasch wachsende Belastung für das Ökosystem des Gesundheitswesens dar. Jedoch deuten immer mehr Studien darauf hin, dass kognitive, Verhaltens-, sensorische und motorische Veränderungen den klinischen Manifestationen der Alzheimer-Krankheit um mehrere Jahre vorausgehen können. Hier wollen die digitalen eHealth-Technologien ansetzen. Denn bestehende Tests zur Diagnose neurodegenerativer Erkrankungen sind zwar gut validiert, aber oft weniger wirksam bei der Erkennung von Abweichungen vom normalen Verlauf des kognitiven Verfalls in den frühesten Stadien der Erkrankung. Die digitalen Biomarker basieren auf sensorischer Datenerhebung von zum Beispiel Augenbewegungen, Herzfrequenzvariabilität, Schlafmustern, Fahrverhalten, Touchscreen-Verwendung und vielem mehr. Diese befinden sich zwar noch in der Test- und Entwicklungsphase, die Vorteile einer frühzeitigen Entdeckung und Behandlung liegen hier aber klar auf der Hand. Bürgerbefragungen ergeben zudem, dass die Mehrheit der Deutschen zwischen 14 – 59 Jahren Digitale Gesundheits-Apps gerne ausprobieren würden, vor allem wenn diese von den Krankenkassen kostenlos zur Verfügung gestellt werden würden. Es ist also meines Erachtens eine Frage von weniger als 10 Jahren, bis die eHealth-Revolution in den Alltag des Gesundheitssektors übergegangen sein wird. Hinzukommt, dass durch die Corona-Pandemie Digitalisierung in allen Bereichen des Lebens und vor allem im Bereich Gesundheit gerade richtig Fahrt aufnimmt. (https://www.pharma-relations.de/news/studie-zeigt-grosses-interesse-der-deutschen-an-e-health

Über mich / Agnieszka Krzeminska

Seit 5 Jahren beschäftige ich mich mit verschiedenen Kontexten in Bezug auf eHealth. Zum einen bin ich gerade dabei eine umfangreiche Doktorarbeit zum Thema Self-Tracking zu erstellen, um die Auswirkungen von Technologie-Anwendungen auf sich Selbst zu erforschen – worunter eHealth Anwendungen fallen. Viele von ihnen habe ich selbst getestet, darüber hinaus Menschen beobachtet und befragt, die solche Apps und Devices benutzen. Ergänzend publiziere ich Fachartikel und spreche über diese Themen auf Konferenzen, wie zuletzt auf der XPOMET Medicinale in Berlin zum Thema Digital Technologies of Brain Enhancement. 

Tel: 0173-6541032

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