Virtuelle Events: Was geht in Sachen Virtual Reality?

Vor wenigen Monaten schien die Welt noch in Ordnung und jetzt heißt es plötzlich Abstand halten. Das Corona-Virus hat die Art, wie wir leben, arbeiten und kommunizieren drastisch verändert. Digitale Lösungen sind gefragter denn je, um physisch auf Abstand zu gehen und uns trotzdem nah zu fühlen. Wer aufgrund einer abgesagten Veranstaltung seine Teilnehmer dennoch erreichen und seine Botschaften vermitteln möchte, steigt nun in die virtuelle Welt ein – virtuelle Events erfahren gerade einen enormen Boom.

Virtuelle Events, das sind Veranstaltungen, die nicht physisch, sondern über andere Medienkanäle stattfinden. In den meisten Fällen werden sie online angeboten und besucht. Das funktioniert mittlerweile sowohl über den Desktop als auch über mobile Geräte wie Smartphones und Tablets. Einen Schritt weiter geht es mit der VR-Brille, deshalb möchte ich heute mit euch über das Potenzial von VR für virtuelle Events sprechen und drei nützliche SocialVR-Tools vorstellen, die ihr im Auge behalten solltet:

Potenziale von VR in der Corona-Krise

Als die Präsentation der Oculus Rift im Jahr 2012 den VR-Hype entfacht hat, wurde die Technologie zunächst vor allem in der Gaming-Ecke verortet. Mehr und mehr wurde das Potenzial von VR auch für andere Unternehmensbereiche wie zum Beispiel dem Marketing entdeckt, um Kunden mit interaktiven Markenerlebnissen zu begeistern oder Mitarbeiter mithilfe von möglichst realistischen Simulationen aus- und weiterzubilden. Jetzt, im Angesicht der Corona-Krise, könnte ein neuer Einsatzbereich hinzukommen: Virtual Reality als Kommunikationsmedium.

Telepräsenz

Vor allem Webinare und Videokonferenzen sind in der Businesswelt derzeit gefragt, um sich über verschiedene Inhalte auszutauschen und sich dabei möglichst nah zu sein. Während es sich mit einem Video aber eher so anfühlt, als schaue man durch ein Fenster in eine andere Welt, ermöglicht es die VR-Brille, durch dieses Fenster hindurchzutreten und Teil dieser virtuellen Welt zu werden: Das Stichwort, auf das es hier ankommt ist Telepräsenz. Telepräsenz beschreibt den Zustand, sich in einer entfernten Umgebung anwesend zu fühlen und Virtual Reality bietet die idealen Voraussetzungen, um diesen Zustand zu erreichen. Schlüssel dafür ist die Immersion: Indem die VR-Brille uns nahezu vollständig von der Außenwelt abschottet, können wir uns ganz auf den Inhalt fokussieren und es findet kaum Ablenkung statt. Dabei umgibt uns die virtuelle Welt so, dass wir uns wie im echten Leben frei umschauen können und Inhalte dreidimensional in unsere Umgebung integriert sind. Es fällt uns entsprechend deutlich leichter, uns darauf einzulassen und die Distanz, die der Bildschirm normalerweise schafft, lässt sich abbauen. Entsprechend kommen wir dem realen Erlebnis sehr nah.

In diesem Zusammenhang kann man auch von Primär– und Sekundärerfahrung sprechen: Der Begriff “Erfahrung” umfasst die durch Wahrnehmung und Lernen erworbenen Kenntnisse und Verhaltensweisen. Primärerfahrungen sind solche, die ein Mensch selbst gemacht hat, während Sekundärerfahrungen durch ein Medium vermittelt werden. Zweiteres gilt als weniger wirkungsvoll, da dabei das persönliche Erleben fehlt, sodass nicht alle Aspekte und Lehren vollständig vermittelt werden können. Digitale Kommunikationsmedien vermitteln stets Sekundärerfahrungen und sind den realen Erlebnissen dahingehend unterlegen, dass sie nicht selbst mit allen Sinnen erlebt werden können. Durch das zwischengeschaltete Medium entsteht eine Distanz zwischen Rezipienten und Inhalt, sodass die Erfahrung weniger intensiv wirkt.

Im Gegensatz zur Videokonferenz schafft Virtual Reality es nun, die Distanz zwischen Rezipienten und Erlebnis zu verringern, da die Inhalte die wahrgenommene Realität nahezu vollständig ausfüllen und so deutlich näher an die Primärerfahrung herankommen.

Ein positiver Nebeneffekt der Telepräsenz für virtuelle Events ist natürlich auch, dass wir keinen Co2-Fußabdruck hinterlassen, Flugreisen reduziert werden und wir natürlich auch auf Atemschutzmasken verzichten können.

Virtuelle Events: Der Status Quo

In der Theorie klingen virtuelle Events also schon großartig, aber wie sieht es in der Praxis aus? Klar gibt es noch zahlreiche Herausforderungen in Sachen Virtual Reality zu meistern – neben technischen Limitationen sei hier vor allem die Verbreitung der VR-Brillen genannt, die längst noch nicht in unsere Haushalte eingezogen sind. Entsprechend sind VR-Events aktuell wohl eher eine Lösung für tech-affine Nischenbereiche oder Marketing-Buzz. Wichtig ist es dabei, realistisch zu bleiben: Natürlich kommt VR nicht an das Vor-Ort-Gefühl heran, aber es kommt ihm zumindest deutlich näher als jede andere digitale Lösung.

Es lohnt sich also auf jeden Fall, die Technologie im Auge zu behalten und ich kann jedem nur empfehlen, sich selbst ein Bild zu machen und VR-Events einfach mal auszuprobieren, um zu erahnen, welches Potenzial hier langfristig schlummert! Im Folgenden möchte ich drei Social VR-Eventplattformen vorstellen, die einen zweiten Blick wert sind:

Virtual-Reality-Meetup bei AltspaceVR

In AltspaceVR können Teilnehmer als Avatare in einem virtuellen Raum zusammenkommen. Das SocialVR-Tool gehört zu Microsoft und überzeugt durch seine vergleichsweise geringen Einstiegsbarrieren: Ein Zugang ist sowohl über den PC / Laptop möglich, sein volles Potenzial entfaltet das virtuelle Event jedoch mit der VR-Brille. Auch hier sind wir jedoch nicht auf teure High-End-Geräte angewiesen, die die Reichweite wieder enorm verkleinern – ein Zugang ist auch mit kostengünstigeren Modellen wie der Oculus Go möglich. Darüber hinaus lassen sich die virtuellen Events von AltspaceVR relativ unkompliziert als Livestream zu Facebook oder YouTube bringen, um die Inhalte auch aus der Plattform heraus zu transportieren. Für das virtuelle Event bei AltspaceVR kann man zwischen verschiedenen Räumen auswählen und diese gemäß der eigenen Wünsche dekorieren und gestalten. Auch Powerpoint-Präsentationen lassen sich mit in die virtuelle Konferenz nehmen.

Ich habe AltspaceVR zum ersten Mal beim nextReality.Hamburg-Meetup ausprobiert, wo VR-Enthusiasten aus Hamburg Corona-bedingt erstmalig nicht in der Realität, sondern in einem virtuellen Raum zusammenkamen. Zugegeben, der Anmelde- und Registrierungsprozess lief noch etwas holprig und es gilt, kleine Abstriche bei der grafischen Darstellung zu machen. Nichtsdestotrotz lässt sich der Avatar grob nach den eigenen Vorstellungen konfigurieren und erinnert dabei ein bisschen an The Sims. Erstaunlich ist, wie schnell sich das Körperpräsenz-Gefühl trotz der rudimentären Grafik einstellt, nachdem ich mich mit der Navigation vertraut gemacht habe.

Das geht soweit, dass ich unter der VR-Brille fleißig mitgrinse, wenn mein Avatar Selfies im virtuellen Raum macht. Gesteigert wird dies vor allem durch die räumliche Wahrnehmung, so hört man zum Beispiel, ob der Gesprächspartner nah oder fern und links oder rechts steht. Auch wenn während des virtuellen Events jeder in seinem eigenen Wohnzimmer saß, haben wir uns trotz physischer Distanz sehr nah gefühlt.

VR-Konferenz mit Engage

Eine Alternative zu AltspaceVR stellt die Lern-, und Schulungsplattform Engage dar. Hier bewies HTC vor kurzem eindrucksvoll, was in Sachen VR-Konferenz aktuell bereits möglich ist. Traditionsgemäß findet die hauseigene Vive Ecosystem Conferenze (VEC) in Shenzhen, China statt, um neue Produkte anzukündigen und vorzustellen. Aufgrund des Corona-Virus wurde die Konferenz in diesem Frühjahr kurzerhand in Virtual Reality verlegt und wurde damit zum Vorreiter der eigenen Technologie.

Der virtuellen Konferenz konnte mit einer VR-Brille oder klassisch per Livestream auf einem Monitor beigewohnt werden und sie überzeugt durch realistischere Avatare als beispielsweise AltspaceVR. Dies erfordert jedoch eine höhere Grafik- und Rechenkapazität der VR-Headsets, sodass der Zugang hier beschränkter ist:

Ausblick: Social VR mit Facebook Horizon

Mit Spaces und Rooms hat Facebook bisher eher halbherzige Anläufe in Sachen Social VR unternommen, das könnte sich mit Horizon ändern. Die Social-VR App soll noch in diesem Jahr erscheinen, quasi ein Facebook in 3D, sodass wir uns bald alle in einer virtuellen Welt treffen können. So ist zumindest die Vision dahinter und der Trailer gibt einen ersten Eindruck, was wir von Facebook Horizon erwarten können.

Anmerkung in eigener Sache: Dieser Gastbeitrag erschien in leicht veränderter auch im Blog der omnia360 GmbH: Virtuelle Events

Seitdem Claudia Kiani zum ersten Mal eine VR-Brille aufgesetzt hat, ist sie begeistert von den Möglichkeiten immersiver Medien. Mit der Gründung von omnia360 setzt die studierte Marketingfachfrau auf Virtual Reality und 360°-Content, um Reales virtuell erlebbar zu machen. Als Speakerin möchte Claudia mehr Menschen mit ihrer Leidenschaft für neue Technologien und innovative Marketinglösungen anstecken und engagiert sich im Vorstand von nextReality.Hamburg e.V. dafür, die Hansestadt zum Pionierstandort in Sachen Zukunftstechnologien zu machen.