Von Moonshot zum mobilen Journalismus – meine Social Media Week 2020

Ok ok, ich gebe es zu: Ich bin nicht die typische Zielgruppe der Social Media Week. Meine Wurzeln liegen im redaktionellen Bereich, mit Social-Media-Management und Markenstrategie habe ich nicht viel am Hut. Der Besuch der #SMWHH brachte mir trotzdem einen enormen Mehrwert, da die Konferenz längst mehr bietet als nur Online-Marketing, Influencer und Social Communication. Eben ein bunter Mix aus Themen, Ansätzen und Denkweisen, die es so nur auf der Social Media Week 2020 in Hamburg gibt. Zeit für einen persönlichen Rückblick.

Über 100 Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops in drei Tagen – da muss man Abstriche machen! Eine optimale Auswahl fiel mir nicht leicht, also entschieden Veranstaltungsname, die kurze Inhaltsbeschreibung oder bestimmte Speaker über das Ja oder Nein. Am liebsten surfe ich bei solchen Konferenzen auf einer spontanen Welle des Flow, der sich um streng organisierte Pläne keine Gedanken macht. Dieser Flow hat viele Ursachen: Spontane Veranstaltungsempfehlungen, längst verschollen geglaubte (Ex-)Kollegen mit privaten Updates und spannenderen Gesprächsthemen oder bereits vollbesetzte Workshops, die ein Loch in den Zeitplan reißen. Und plötzlich sitzt man in einer Veranstaltung, die man gar nicht auf dem Schirm hatte!

Mittwoch: VR Pornos und die Evolution von Gaming

Es gibt da so ein ungeschriebenes Gesetz: Egal was es ist, davon gibt es einen Pornofilm! Die Erotikindustrie ist seit jeher eine der innovativsten Branchen. Produzenten experimentieren stets mit neuen Formaten, um neue Nutzererfahrungen zu kreieren. Auch in Sachen Virtual Reality ist die Pornobranche mal wieder Content-Pionier – so hört man es zumindest im Vortrag „HUMAN.XXX: VR Porn und die Intimität der Zukunft?“ von Immersive-Media-Spezialist Simon Graff. Bei VR ist aber nicht Schluss, weitere Innovationen wie Augmented Reality geraten zunehmend ins Blickfeld der Branche. Das Ziel: Sexuelle Erfahrungen noch personalisierter und intimer gestalten und Menschen zusammenbringen – etwa bei Fernbeziehungen. An den Vortrag reihte sich eine spannende und lustige Podiumsdiskussion mit Protagonisten, Produzenten und anderen Vertretern der Erotikindustrie an. All das gibt es hier im Stream nachzuschauen (ab Minute 41).

Gleich zwei Podiumsdiskussionen drehten sich um die Themen Gaming und eSports – zwei Begriffe, die man aber faktisch voneinander trennen muss. Gaming bezeichnet das alltägliche freizeitmäßige Zocken on- und offline auf der ganzen Welt, quasi der Amateurbereich. eSports hingegen ist das professionelle, in kommerziellen Ligen und Wettkämpfen organisierte Spielen – etwa mit Titeln wie LoL, PUBG oder FIFA und Preisgeldern in Millionenhöhe. In einer Podiumsdiskussion (hier im Stream ab Minute 3) diskutierten Branchenvertreter zur Wechselbeziehung zwischen Social Media und Gaming. Direkt im Anschluss wurde im nächsten Panel mit Sportlern, Funktionären, Journalisten und Akteuren der Gaming-Industrie die Frage diskutiert, ob eSports perspektivisch olympisch werden soll. Fazit: Jein – hier nachzuverfolgen im Stream (ab Minute 46).

Donnerstag: lokales Social Media-Netzwerk, LinkedIn und spielerische Innovationen

Der Donnerstag startete mit einem sozialen Netzwerk made in Germany: nebenan.de. Die Plattform setzt auf lokale Communities, aufgeteilt in reale Stadtviertel. Im Mittelpunkt steht der Mensch, also der Nachbar. Daher muss sich jeder mit Klarnamen registrieren und per Ausweis oder GPS offiziell verifizieren lassen. Ein Schritt, der zusätzliches Vertrauen schaffen soll. In Zusammenarbeit mit Behörden, lokalen Läden und natürlich den Bewohnern entstehen digital-analoge lokale Communities, die vor allem in großen Städten Menschen näher zusammenbringen sollen. Jahreshöhepunkt sind Feste wie „Tag der Nachbarn“, die von den Communities und der sozialen Plattform individuell organisiert werden. Nebenan.de hat laut Lukas Fellhauer, Head of Engagement des sozialen Netzwerks, bereits über 1,5 Millionen Mitglieder.

Vom lokalen zum internationalen: Die internationale Business-Plattform LinkedIn wird im deutschen Raum immer präsenter und wichtiger. Das beweist auch die Vielzahl an Workshops und Vorträgen zur Online-Business-Plattform. Wie man sein LinkedIn-Profil professionell einrichtet, sich als Corporate Influencer positioniert und die Plattform für B2B nutzt, zeigten diverse interaktive Workshops im Hub University.

Mein persönliches Highlight – vielleicht auch, weil es ums Spielen geht – war der Workshop zum Innovationsspiel Moonshot. Beim interaktiven Brettspiel treten Teams mit Geschäftsideen gegeneinander an, am Ende triumphiert die Idee mit dem größten Potenzial. Bei Moonshot entsteht die Chance, neue Ideen zu entwickeln, bereits ausgearbeitete Konzepte auf den Prüfstand zu stellen und auf spielerische Art und Weise andere Ansätze kritisch zu hinterfragen. Heraus kommen spontane wie geniale Hirngespinste wie Tindern mit Kühlschrankinhalten, ein mobiles Butler- und Limousinen-Netzwerk in Berlin oder eine Art AirBnB für Freelancer und Geschäftsreisende, die einen Arbeitsplatz in einer fremden Stadt benötigen.

Freitag: Hatespeech im Internet und Mobiler Journalismus

Direkt morgens um 9 Uhr stand ein sehr ernstes und unsere Zivilgesellschaft bedrohendes Thema auf der Agenda: Hatespeech und Hetze sowie deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Medienpädagogin Alia Palin zeigte auf, wo Meinungsfreiheit aufhört und Hassrede anfängt. Ihre Beispiele sind teils bestürzend und verursachen Kopfschütteln. Es kommt in sozialen Medien oft zu Missverständnissen und sprachlicher Radikalität, da bei digitaler Kommunikation Hemmungen, Körpersprache, Tonalität und Lautstärke wegfallen – maßgebende Faktoren für zwischenmenschliche Kommunikation. Palin arbeitet auch an Schulen und startet Projekte zu Fake News und Hass im Internet. Für Schüler hat sie einen „Fake News“ Anforderungskatalog entwickelt. Nach nur 20 Minuten Einführung legten die jungen Teilnehmer los und produzierten Erstaunliches. Fazit: Ziemlich einfach, Fake News zu kreieren und im Internet massenhaft zu verbreiten. Mehr Medienkompetenz würde jedem guttun, um Fake von realen Nachrichten zu unterscheiden. Spannend und erschütternd ist aber vor allem, dass der Katalog auf erschreckend viele Boulevardmedien zutrifft – ja, wir schauen dich an, BILD Zeitung! Deshalb ist es umso wichtiger, Berichterstattung kritisch zu hinterfragen und zum Beispiel bei Phrasen wie „Experten sagen/Wissenschaftler fanden heraus“ genau darauf zu achten, ob und wie Aussagen und Behauptungen mit Quellen gefüttert werden.

Wie der zukünftige Journalismus aussieht und wie es um die Zukunft von DER SPIEGEL bestellt ist, erklärte Angela Gruber, selbst Ressortleiterin Social Media und Leserdialog beim Hamburger Medienhaus. Dabei ging es vor allem um die Finanzierung in Zeiten des Internets – Stichwort Digitalabo – und die Verantwortung des Journalismus in Zeiten von Fake News und Verlagerung der öffentlichen Kommunikation auf Social Media. Spannende Einsichten, die man hier im Stream noch mal mitverfolgen kann (ab Stunde 3, Minute 31).

Abschließend ging es in einen Workshop um Mobile Journalism. Dr. Thomas Hestermann, Professor für Journalismus an der Hochschule Macromedia am Campus Hamburg, erklärte den Begriff und die Theorie dahinter auch mit Fallbeispielen. Für den praktischen Teil empfahl er seinen einstigen Studenten Mirco Seekamp. Der produziert crossmediale Inhalte u.a. für den NDR und die sozialen Kanäle der tagesschau. Auch wenn er noch Programmvolontär ist, agiert er im Mobile Journalism am Puls der Zeit. Denn mit dem Smartphone lässt sich heute ein beinahe gleichwertiges Ergebnis erzielen wie mit einer hochaufgerüsteten mehrköpfigen Filmcrew. Alles, was es braucht, ist ein bisschen Equipment – Stativ, externes Mikrofon und Lichtquelle – und ein paar Schnitt- und Bearbeitungs-Apps auf dem Smartphone. Nachrichtenagenturen wie Reuters nutzen eigens entwickelte Apps, um Videos zwischen Journalist und Redaktion zu übertragen.

Mobiler Journalismus wird der erhöhten Geschwindigkeit der modernen Welt besser gerecht und kann Ereignisse auf der ganzen Welt noch spontaner, simpler und insbesondere günstiger einfangen als aufwändige Produktionen mit mehrköpfigen Teams. Vor allem in sozialen Netzwerken nimmt mobiler Journalismus eine immer größere und wichtigere Rolle ein, so zum Beispiel bei den Storys diverser öffentlich-rechtlicher Formate auf Facebook, Instagram und Snapchat oder gar TikTok.

Fazit a.k.a Vorfreude auf 2021

Diese drei Tage haben mal wieder klar gemacht, wie miteinander verstrickt mittlerweile die Bereiche Social Media, Marketing & Konzeption sowie Journalismus sind. Alles ein digitaler Brei, mit unzähligen Akteuren, Interessen, Zielgruppen und Strategien. Dieses komplexe Konstrukt ist ziemlich spannend, hinter jeder Ecke stecken Innovations- und Zukunftspotenzial. Toll, das Jahr für Jahr in kompakter Form bei der Social Media Week in Hamburg erleben zu können. 2021 ist bereits im Kalender markiert.