Zur neuen Ganzheitlichkeit mit Mut, Vertrauen und Selbstwirksamkeit

Ein Interview für den SMWHH-Blog mit Stefanie Kuhnhen zum Panel „Über das Ende der unvereinbaren Gegensätze am Donnerstag 27.02.2020 um 16.30 Uhr im Altonaer Theater.

 

„#HumanX – wie wollen wir in Zukunft leben und wirtschaften?“ Zu dieser alles umfassenden Frage erwartet euch am Donnerstag 27.02. um 16:30 Uhr laut SMWHH-Geschäftsführerin Sabrina Frahm „ein Knallerpanel echter Powerfrauen“.  Stefanie Kuhnhen, Geschäftsführende Gesellschafterin  für den Bereich Strategie der Werbeagentur Grabarz & Partner und Fachbuchautorin, Anja Hendel, Managing Director Diconium (VW Group), sowie Julia Möhn, Leiterin Neue Produkte und Chefredakteurin emotion “Working Women, und ich, Christiane Brandes-Visbeck, Geschäftsführende Gesellschafterin der Ahoi Innovationen GmbH und Fachbuchautorin, diskutieren darüber, wie sich als Folge der Digitalisierung Polaritäten sowohl in unserer Gesellschaft als auch in der Business-Welt auflösen und uns zu integralem Denken und Handeln zwingen. Für den Titel unseres Panels hat uns das Buch „Das Ende der unvereinbaren Gegensätze. 12 überraschende Lösungen für Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft“ von Stefanie Kuhnhen und Markus von der Lühe inspiriert. Ihre These: „Wenn Gegensätze keine Gegensätze mehr sind, entsteht ein neuer Megatrend.“

Stefanie Kuhnhen ist Geschäftsführerin Strategie und Partnerin bei Grabarz & Partner. Nebenbei versorgt sie ihre Familie mit zwei Kindern, hat das Start-up Kokoro gegründet und mit ihrem guten Freund, Markus von der Lühe, das viel beachtete Fachbuch „Das Ende der unereinbaren Gesgensätze“ geschrieben. Ich wollte Stefanie unbedingt persönlich kennenlernen, da ich von Markus, dem Gründer des Eventformats Year of the X, schon so viel Gutes über sie gehört hatte. Natürlich ist mir als Hamburgerin auch die Werbeagentur bekannt, bei der sie seit 16 Jahren tätig ist. Grabarz & Partner residieren in der Neustadt am Schaartor, gleich gegenüber der Feuerwehrwache zwischen Elbe und Rödingsmarkt. Im super modernen Konfi aus Beton mit graffitiartiger Wandbemalung treffe ich Steffi.

Im Vorfeld unseres Diversity-Panels auf der Social Media Week habe ich Stefanie Kuhnhen interviewt, um zu erfahren, was eine erfolgreiche Werberin wie sie dazu antreibt, Wirtschaft neu zu denken.

Christiane: Steffi, du bist Geschäftsführerin Strategie, Mutter einer Sechsjährigen und eines Dreijährigen, hast ein Fachbuch geschrieben und ein Start-up gegründet, das möglichweise die Businesswelt verändern wird, weil es den emotionalen Zustand von Teams messbar machen wird. Wie sieht dein emotionaler Zustand gerade aus?

Stefanie (lacht): Gut, weil vieles, was ich in den letzten zwei Jahren angeschoben habe, gerade zusammenkommt und der Puls der Zeit immer mehr in meine Themen reinspielt. Dies betrifft mein Buch und die App, aber auch die Dinge, die wir bei G&P in den letzten 12 Monaten angeschoben haben bzw. gerade weiter anschieben, die ebenfalls wunderbar in diese Zeit passen. So erlebe ich gerade einen hohen grad an Selbstwirksamkeit und Zustimmung und das trägt natürlich auch durch den Stress, der durch die Vielfältigkeit an Aufgaben natürlich da ist. neugieriger und lernwilliger Menschen, und so bin in sehr angezündet von unserem Innovation Space in Berlin oder meiner kokoro App mit den Investoren im Hintergrund – beides Themen, bei denen ich persönlich gerade permanent dazu lerne.

Christiane: Erzähl uns doch mal genauer, worum es bei deinem Start-up geht. Wie weit seid ihr in der Planung?

Tatsächlich ist kokoro unser Start-up, das ich mit Imran Rehmann und Shawn Ardeiz gegründet habe, gerade ein sehr relevantes und damit spannendes Thema! Wir haben es kokoro genannt, weil der japanische Begriff „kokoro“ für die Einheit von Kopf, Herz und Körper steht – ein entsprechendes Wort gibt es im Deutschen gar nicht. Der Purpose von kokoro ist daher, die allseits gemessenen KPIs (Key Performance Indicators) als Steuerungstool im Unternehmen um die Messung von KEIs zu ergänzen – Key Emotional Indiciators: Diese Daten sind notwendig, um den aktuellen, emotionalen Status von Teams zu messen. Wir wollen die Lücke zwischen Menschen und Zahlen, zwischen Kopf und Herz schließen. Denn je besser ein Team sich miteinander fühlt und arbeitet, umso effektiver und innovativer ist es. Dies haben zahlreiche Studien nachgewiesen. Bisher gibt es aber kein Tool, das genau das tut: Und hier helfen wir nun mit kokoro, dass Teamdaten in Echtzeit, mobil, anonym, transparent misst und es den Teams so ermöglicht, sich sofort um sich selbst zu kümmern. Wir nennen das „Bottom-Up-Healing“.

Die kokoro GmbH ist im Juli des Jahres live gegangen. Unser MVP (Minimum Viable Product) ist jetzt draußen zum UX-Testing. Manches läuft noch nicht so rund im Backend, da arbeiten wir gerade mit Hochtouren dran. In den letzten 12 Monaten haben wir die Anwendung mit über 100 Teams getestet. Jetzt geht es in die nächste Runde, mit ersten zahlenden Kunden, die das Produkt eigenständig nutzen, was uns sehr freut. Und dann werden wir mit weiteren Investoren Partner für eine größere Skalierung finden. Aktuell geht es aber v.a. darum, dass das Produkt einwandfrei läuft – und hier lernen wir mit jedem Test wie jedes technisch basierte Start-up. Klar, haben wir auch Mitbewerber. So ist auch Google am Thema dran. Aber meine Partner und ich sind wachsam, aber optimistisch, denn wir kommen nicht wie Google aus der reinen Tech-, sondern aus der Diagnostik-Ecke: Wir starten also bei den Menschen mit Experten, die sich sehr gut damit auskennen, wie man menschliche Emotionen richtig messbar macht.

Christiane: Magst du noch einmal genauer erklären, warum kokoro den emotionalen Zustand von Teams messen will?

Stefanie:  Es ist wissenschaftlich und empirisch bewiesen, dass angstfreie, verlässliche Teams innovativer und effektiver sind. Bereits Carl Rogers hat in seinen Studien über die menschenzentrierte Therapie die wichtigsten Faktoren herausgefunden, wann Menschen bereit sind, sich zu öffnen und sich zu verändern. Mendl/Krause haben viel zum Thema lernende Organisation geforscht und ebenfalls ähnliche Faktoren identifziert. Und zuletzt hat Google mit seinem Projekt Aristotle bestätigt, dass Angstfreiheit, Verlässlichkeit, Struktur & Klarheit, Bedeutung und  Selbstwirksamkeit die wichtigsten Faktoren sind, wie Teams zusammenarbeiten sollten – dieses „Wie“ ist wichtiger als das „Wer“ in Bezug auf die Teammitglieder. Amy Edmondson von der Harvard Business School mit ihrem Konzept von der Psychological Safety, als die psychologische Sicherheit, die die Basis für gute Teamarbeit ist, hat Googles Projektergebnisse ebenfalls bestätigt.

Diese weichen Faktoren beeinflussen signifikant qualitative und quantitative Ergebniskennzahlen von Teams. Du siehst, das Thema ist gut erforscht, allein wir haben bisher in der Wirtschaft oder in unseren Institutionen nicht danach gehandelt. Und genau das wollen wir mit kokoro verändern, denn wir machen die weichen Faktoren in Echtzeit transparent messbar und somit auch gezielt verbesserbar für die Teams. Kokoro ist darüber hinaus auch zentral in der digitalen Transformation, in der die Unternehmen aktuell stecken – denn sie bedeutet viel Unruhe und besser funktionierende Teams können diese auch besser verdauen und vorantreiben. Das wiederum hilft dem Unternehmen immens.

Christiane: Warum ist „Ganzheitlichkeit“ heute sogar im Wirtschaftsleben aktuell?

Stefanie: Unser Buch liefert dazu den eher zeit-philosophischen Hintergrund: In einer Welt, die durch die fortschreitende Digitalisierung zu einer globalisierten Welt wird, wird unsere Gesellschaft auf der einen Seite immer komplexer und undurchsichtiger. Auf der anderen Seite sehen wir eine immer enger werdende Verflechtung von Menschen, Systemen und Dingen. Unsere These im Buch ist, dass diese exponentiell zunehmende Verflechtung die Auflösung von klassischen Polarisierungen nach sich zieht. Das ist ein Megatrend, der sämtliche Gesellschaftsbereiche, von der Bildung über Business bis hin zu Politik bis hin zum individuellem Sein betrifft und neue Strukturen, Machtverhältnisse und Systeme erzeugt. Diese Entwicklung erfordert von uns Menschen Mut zur Selbstreflexion. Nur so können wir innerer Vielfältigkeit einen Raum geben und komplexe Entscheidungen je nach Situation mit unterschiedlichen Parametern entscheiden. Wir benötigen diese Methode, um unsere Ganzheitlichkeit als Menschen und als Teams neu zu entwickeln.

Christiane: Weiche Faktoren spielen heute also im Management eine wichtige Rolle. Wie kann man diese definieren?

Stefanie: Als geschäftsführende Strategin einer Agentur möchte ich nicht nur über KPIs, also Key PERFORMANCE Indikatoren, reden. Wenn man als Performance nur den Output misst, lassen wir 50 Prozent dessen aus, was die Performance eines Menschen definiert: die weichen Faktoren wie Empathie, Wertschätzung oder Integrität, aber auch Dazugehörigtkeitsgefühl, die Qualität der Energie oder die Verletzlichkeit aller Mitglieder.

Die wahre Leistungsfähigkeit einer Organisation lässt sich eben nicht nur mit Zahlen über den Output messen. Zu dieser Erkenntnis habe ich 2015 auf dem „Year of the Goat“-Festival in Hamburg, das mein späterer Co-Autor Markus von der Lühe veranstaltet hat, einen Vortrag gehalten. Mein Appell an die Zuhörer lautete „Make the unseen seen“ – mache nicht nur das Sichtbare, sondern auch das Unsichtbare sichtbar – eben mit den Key Emotional Indicators, wie ich sie dann genannt habe. Und ich spürte über die Zeit einen immer größeren Resonanzboden für das Thema, selbst in nur 2-3 Jahren veränderte sich das Mindset unserer Business-Welt deutlich. Und nach anfänglichem bloßem Interesse wollten tatsächlich immer mehr Menschen gezielt wissen, wie sie diese KEIs in ihren Unternehmen messen könnten?

Christiane: „Wenn du es nicht messen kannst, kannst du es nicht managen“, hat Management-Guru Peter Drucker einst gesagt. Die Frage ist also, wie verwandelt ihr emotionale Werte in messbare KEIs?

Stefanie: Wir haben mit Diagnostics-Experten zu jedem KEI ein Fragenset ermittelt, das wir Usern per App zu Verfügung gestellt haben. Die Fragen sind einfach verständlich und visualisiert, statt über rationale Likert-Skalen zu beantworten. Ziel ist, dass sich die Befragung intuitiv anfühlt. Die Fragen kann man in zwei Minuten per Handy oder schneller beantworten. Bei regelmäßigem Messen soll die Befragung am besten ins Unterbewusstein eingehen, denn wir wollen ja an den aktuellen emotionalen Zustand ran – da müssen wir den Kopf so gut es geht ausschalten. Nachdem die User unsere Fragen beantwortet haben, können sie eine grafische Darstellung ihrer Antworten sehen, sowie eine anonyme Darstellung des eigenen Team-Durchschnitts. Alle sehen alle Ergebnisse in Echtzeit. Und allein durch diese Transparenz beginnen die Teams, verborgene oder verschwiegene Themen gemeinsam anzugehen. Es ist also das absolute Gegenteil von der herkömmlichen Mitarbeiterzufriedenheits-Umfrage, die meist in Vorständen unbeantwortet versacken. Wir waren und sind daher völlig begeistert von dieser Idee, haben dann allerdings erstmal noch zwei Jahre Investoren gesucht.

Christiane: Wie fühlst du dich auf dem Weg zu einer Start-up-Gründerin, die einen gesellschaftspolitischen Unterschied macht?

Stefanie: Ich wollte immer über meinen Job als Werberin hinaus sinnvolle Wirkung erzielen: Bei Grabarz & Partner mache ich neben dem Tages- und Neugeschäft maßgeblich die Strategien, die Visionen für die ganze Gruppe sowie den Aufbau unserer neuen Einheiten. Als Unternehmerin bei kokoro lebe ich meine Vision von einem Tool, mit dem wir die Businesswelt menschlicher machen werden. Beides ist toll, da ich meinen Wirkungsgrad direkt erfahren und meine Stärken einsetzen kann. Und beides hat seinen Reiz: Bei G&P habe ich das Glück, auf einer großen Bühne agieren zu können. Bei kokoro kann ich dafür alles vom weißen Papier her aufbauen und prägen, ganz ohne Altlasten – das hat natürlich auch einen großen Charme für so jemanden wie mich und ist damit eine tolle Chance. Toll ist vor allem, beides miteinander kombinieren zu können: Denn mit kokoro hoffen wir auch bei Grabarz & Partner unsere Stärke der Kultur weiter auszubauen. Es ist ein großartiges Privileg, meine Sinnhaftigkeit in unserem Start-up auszuleben und das Ergebnis in unserer Agentur anwenden zu dürfen. In diesem phantastischen Prozess bleibe ich aber schon allein deshalb bescheiden, so zwischen Staunen und Abwarten, weil ich permanent sehe, wie ich dazu lerne(n muss). Das ist schön und heilsam zugleich!

Christiane: Wie wirken sich eure Erkenntnisse auf Führung aus?

Stefanie: Das wird sich zeigen! Denn auch unsere App ist jetzt noch eine These, die wir in den Markt geben – wie und ob sie wirkt, das lernen wir gerade in Echtzeit. Im Kern geht es mit kokoro darum, aus Menschen Mannschaften zu machen. Ich denke das kann durchaus jede Company lernen – wenn sie Führungsmenschen hat, die die KEIs auch ernstgemeint zulassen und leben können. Denn solche Themen wie Empathie, die kann man nur vorleben bzw. über das „Vorgelebt bekommen“ lernen. Das muss die Führungsriege leisten!

Christiane: Du hast mit Markus von der Lühe das Buch über das „Ende der unvereinbaren Gegensätze“ geschrieben, in denen ihr eure Vision von ganzheitlich arbeitenden Menschen in Aktivitäten herunterbrecht. Dafür bietet ihr zwölf überraschende Lösungen für Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft. Dabei ging es euch vor allem darum, vorhandene Gegensätze aufzulösen und dadurch neue, gemeinsame Chancen entwickeln zu können.

Stefanie: Ich wollte schon mit neun Jahren ein Buch schreiben. Buchautorin zu werden stand ganz oben auf meiner bucket list. Auslöser für dieses Buch waren auf jeden Fall der Backlash um Trump und Co. Wir Menschen merken, da kommt etwas Neues auf uns zu. Weil wir es noch nicht kennen, klammern sich viele an das Altbekannte. Diese Angstphänomene haben uns angespornt. Wir fragten uns: Wo ist die positive Leitkultur? Wie lautet das positive Zukunftsnarrativ? Welche Denke benötigen wir zukünftig? Es ist super wichtig, dass wir alte Gegensätze im Kopf auslösen, um die komplexeren Probleme von heute und morgen lösen zu können: Eine Ökonomie ohne Ökologe wird z.B. nicht mehr denkbar sein. Oder der Mensch ohne Technologe. Die Dinge müssen wir absichtlich zusammen-wirkend integrieren. Wir müssen unsere Kräfte bündeln und gemeinsam einen Impact erzielen, also eine Wirkung entfalten, um überleben zu können. Dazu beziehen wir uns auf die Sprial Dynamics-

Christiane: Eine Veränderungswirkung zu entfalten ist wirklich nicht leicht. Ein möglicher Ansatz ist die in Deutschland recht präsente New-Work-Bewegung. Doch selbst dieser sinnhafte Ansatz im Sinne von Frithjof Bergmann, der besagt, die Menschen sollen das tun, was sie wirklich, wirklich wollen, verkommt im Businessalltag leicht zu einer hippen Kultur mit Kickern, Sneakern und Chefduzen.

Stefanie: Ich glaube Veränderungswille schafft man nur, indem man einen wirklich guten Grund für eine nötige Veränderung geben kann. Eine „Shared Identity“, Angstfreiheit und eine hohe Intensität und Qualität von Energie, eine wirklich produktive Energie, die können dann wirklich eine Kultur zum besseren verändern.

Christiane: Liebe Steffi, danke dir für das inspirierende Gespräch! Ich freue mich auf unserer gemeinsames Panel am 27.2. um 16.30 Uhr im SMHH-Hub Altonaer Theater.